erschienen
in: Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis, Heft 2/1996, S. 302-306,
ebenso in: Journal für Psychologie, Heidelberg: Asanger-Verlag, Heft
2/1996, S. 91-94.
Was passiert eigentlich in Psychotherapien
jenseits der gelehrten und gelernten Methoden? Eine Analyse, die nur auf
mentale Repräsentationen der TherapeutInnen schaut (vgl. Thommen et
al. 1988), verliert sich leicht in Konstrukten, die nicht wieder in die
therapeutische Praxis zurückzuübersetzen sind (Schmitt 1989).
Eine Analyse, die sich auf die Seite der KlientInnen beschränkt, bleibt
leicht bei sattsam bekannter psychopathologischer Etikettierung. Die vom
Einzelfall abstrahierenden Analysen Grawes (1994) kondensieren sich zu
einleuchtenden Wirkfaktoren, helfen aber beim Verstehen (und Verbessern)
psychotherapeutischer Interaktion nur begrenzt. Qualitative Forschungen
scheinen die geeigneteren Zugänge, die Ausgangsfrage zu beantworten,
wie in verschiedenen Psychotherapien interagiert wird. Damit handelt man
sich zugleich eine schwer zu überschauende Fülle von Zugangsweisen
ein, deren methodologische Grundlagen, Geltungskriterien und Interpretations-Reichweiten
höchst verschieden sind.
Es ist das Verdienst des Buches von M.B.
Buchholz, sechs verschiedene qualitative Forschungsansätze an einem
einzigen (und schwierigen) Therapietranskript zueinander geführt und
gegeneinander gestellt zu haben; es sind: Konversationsanalyse, Metaphernanalyse,
Analyse nach dem Prozeßmodell von Weiss, Objektive Hermeneutik, klinische
Psychoanalyse und Ethnomethodologie. Nach Sammelbänden zur Einführung
in qualitative Methoden (Bergold, Flick 1987, Jüttemann 1989, Flick
et al. 1991) ist in dieser Phase der qualitativen Methodenentwicklung dieses
Buch ideal geeignet, die Stärken und Schwächen, die Übereinstimmungen
und Divergenzen der einzelnen Methoden vorzuführen.
Der konversationsanalytische Ansatz, den
S. Wolff und C. Meier vertreten, untersucht, wie die soziale Wirklichkeit,
z.B. die einer Therapie, von den Beteiligten im Gespräch selbst hergestellt
wird. Dazu gehören die Fragen: Wie wird das Gespräch eingeleitet?
Wer beginnt? Mit welchen Thema? Wer beendet? - wie? Wie werden heikle Themen
angesprochen? Wer unterbricht wen? Wenn ja, an welcher Stelle? Wer macht
Pausen? - bei welchen Themen? Welcher Art sind die Äußerungen:
Fragen, Antworten, Erzählungen, Forderungen, Befehle? Wie wird die
Verständigung bei Mißverständnissen gesichert: Nachfragen,
Reformulierungen, Mißachtung?
Die Organisation dieser Sprechpraktiken
und die Regeln ihrer Verknüpfung zu dem sozialen Ereignis "Therapie"
interessieren unter dem konversationsanalytischen Mikroskop. Die beiden
Autoren können zeigen, daß eine kommunikative Übereinstimmung
über Beginn, Themen und Ende der Therapiestunde nicht zustande kommt,
die verbalen und präverbalen (Intonation, Stimmhöhe) Signale
bei dem jeweils anderen oft auf kein adäquates Echo treffen; die wechselseitige
Positionierung als Sprecher und Hörer gelingt nicht. Der Therapeut
muß explizit Regeln des therapeutischen Gesprächs benennen,
z.B. daß er nicht derjenige sein kann, der die Themen vorgibt; er
muß das Beenden der Stunde regelrecht erzwingen.
Nebenbei
gelingt den Autoren eine empirisch begründete konversationsanalytische
Definition der Rolle eines psychoanalytischen Therapeuten ohne Rückgriff
auf dessen Theorie als "Spielertrainer eines dialogischen Prozesses" und
"Moderators" neuer Gesprächserfahrung. Sie gehen davon aus, daß
eine "konversationsanalytische Beschreibung ... des Therapiegesprächs
notwendig zu einer Relativierung der einschlägigen Metatheorien"
führt (ebd./87). Was könnte das entsprechende Ergebnis der konversationsanalytischen
Beschreibung einer Verhaltenstherapie sein?
Das gleiche Transkript dient als Grundlage
für den Beitrag von M.B. Buchholz und C. von Kleist; sie führen
eine Metaphernanalyse mit Elementen der Konversationsanalyse vor. Ihr Metaphernbegriff
folgt Black (1977) bzw. Lakoff und Johnson (u.a. 1980), welche die metaphorischen
Gehalte der Umgangssprache betonen. Wenn z.B. ein Patient eine Psychoanalyse
als "Beichten" begreift, das Berühren unangenehmer Themen als "Buße"
hinnimmt und nach der Äußerung seiner Einfälle eine erlösende
Absolution erwartet, so folgt er einem bildlichen Komplex, einer konzeptuellen
Metapher: Therapie ist Beichte. Entsprechende, ebenfalls metaphorische
Vorstellungen eines psychoanalytischen Therapeuten lassen sich z.B. in
Formulierungen vom "Spiegeln", "undurchsichtig sein" und der "Introspektion"
finden, einer visuellen Metaphorik nach dem Muster: Therapie ist In-sich-hineinschauen.
Buchholz und v. Kleist nennen nun die metaphorische Vorstellung des Klienten
von der Therapie eine "Prozeßphantasie", die des Therapeuten "Prozeßmodell".
Ihre Metaphernanalyse konzentriert sich nun selektiv auf Redewendungen,
die es erlauben, Prozeßphantasie und -modell zu rekonstruieren und
die Interaktion der beiden, ihre Passung oder Nicht-Passung, zu verfolgen.
Dafür entwickeln die AutorInnen ein komplexes Regelwerk, das von der
Konversationsanalyse die Beachtung der Sequentialität übernimmt
und in sieben Stufen das iterative Kreisen der hermeneutischen Analyse
um Metaphern und Interaktion unterbringt. Sie rekonstruieren aus dem genannte
Transkript eine räumliche Phantasie des Klienten, der das Spiel "Such
mich in der Themenlandschaft" betreibt; der Therapeut "funktioniert" jedoch
nach der o.g. "Spiegel"-Metapher, die impliziert, der Patient möge
sich selbst suchen und finden. Unschwer ist es nun, vorauszusagen, daß
es zu kommunikativen Krisen kommen muß: Das Gespräch und die
Themenfindung kommt nicht in Gang, der Patient fordert versteckt, der Therapeut
werde schließlich dafür bezahlt - und meint damit, er solle
nach dem Wunsch des Patienten funktionieren und ihn führen; der Therapeut
versucht seine Regeln zu explizieren und weist auf die Gefahr für
die Autonomie des Patienten hin, wenn er dessen Wunsch folgen würde.
Für diese Struktur der Interaktionskrise konstruieren Buchholz und
v. Kleist eine eigene Metapher: Die Therapie sei zum "Jagdspiel" geworden,
in der jeder seine Regeln mit unterschiedlichen kommunikativen Strategien
aufzudrängen. Ihre Bewertung des therapeutischen Verlaufs ist ein
wenig optimistischer als die der o.g. Konversationsanalyse, sie zeigen,
daß der Klient seine Prozeßphantasie manchmal zur Disposition
stellen kann. - Die vorgelegte Analyse ist durch die Kombination unterschiedlicher
methodologischer Voraussetzungen (Metaphernanalyse, sequentielle Konversationsanalyse,
auch ein psychoanalytisches Vorverständnis des Interpretierens) relativ
komplex; sie muß es vielleicht auch sein, denn die Analyse sich entwickelnder
und verändernder Metaphern in einem Gespräch bedarf anderer Regeln
als eine Metaphernanalyse, die z.B. kollektive Metaphern des Helfens rekonstruiert
(vgl. Schmitt 1995), ohne ihren Verlaufscharakter erfassen zu wollen.
R.
Volkart stellt das Psychotherapie-Prozeß-Modell von J. Weiss vor,
der auf dem Boden Freudscher Theorie den Schuldgefühlen einen Status
als unbewußte und einer Therapie entgegenwirkende pathogene Überzeugungen
gibt, die er als "einfach strukturierte kognitiv-affektiven
Modelle, die als Selbstkonzepte oder Beziehungsregeln gespeichert werden"
(ebd./129) konzipiert. Sie würden gesunde Selbstverwirklichung verhindern
und sich in Schuldgefühlen, Scham und Angst äußern; ihre
Entkräftung sei das therapeutische Ziel. Die wissenschaftliche Rekonstruktion
der Modelle und Pläne des Patienten bezieht nun dessen Trieb- und
Selbstverwirklichungsziele, seine pathogenen Überzeugungen, die "Tests",
in denen der Patient die Reaktionen des Therapeuten auf seine Selbstinszenierung
prüft, seine kognitiven Einsichten und erlittenen Traumata ein. Mehrere
ForscherInnen rekonstruieren diese Dimensionen und die damit zusammenhänge
Planstruktur vergleichend aus den ersten Therapiesitzungen. Anhand des
allen gemeinsamen Transkripts stellt Volkart nun seine Identifikation pathogener
Überzeugungen und der Tests des Patienten vor, die etwas schematisch
an einzelnen Redewendungen belegt werden, und rekonstruiert anschließend
drei zentrale pathogene Überzeugungen, die relativ abstrakt in psychoanalytischer
Terminologie gefaßt werden. Die Auswirkungen dieser pathogenen Modelle
in der Therapie und ihre innere Widersprüchlichkeit zeigen die äußerst
schwierige Aufgabe des Therapeuten. - Diese Analyse gewinnt ihre Spannung
nicht zuletzt daraus, daß einige ihrer Grundannahmen denen der kognitiven
Verhaltenstherapie ähneln, jedoch in psychoanalytischer Terminologie
gefaßt wurden.
Sehr prägnant schildert M. Leber den
methodischen Grundgedanken der Objektiven Hermeneutik sensu Oevermann:
Wenn man davon ausgeht, daß alles Sprechen (und Handeln) sequentiell
geschieht, dann ist die Sprechfolge ein ständiges Aus- und Abwählen
von Möglichkeiten. Jedes Gespräch besteht auch aus dem, was nicht
gewählt wird - diese Logik des Wählens rekonstruiert die Objektive
Hermeneutik nun Äußerung für Äußerung. Sie konstruiert
für jeden Sprechakt typische Kontexte, in denen er geäußert
werden kann, und versucht, ebenso typische Äußerungen zu finden,
die dem folgen könnten. Vor dieser Folie aus Möglichkeiten hebt
sich die tatsächlich stattgefundene Wahl ab, bedeutet Einschränkung
auf ein bestimmtes Muster. Dies führt nun Leber detailliert an den
kleinen Sequenzen des Anfangs des Transkripts vor. Auch sie rekonstruiert
die Falle, die der Patient stellt: Der Therapeut soll aktiv sein, doch
wenn er es wird, wirft es ihm der Patient als Übergriff vor. In der
Konzentration auf dieses Muster der Interaktion zeigt die Objektive Hermeneutik
eine Doppelbindung ohne Auswege.
E. Kaiser interpretiert den Fall als psychoanalytischer
Kliniker. Nach einer Verteidigung der Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse
und einer in sehr dichter psychoanalytischer Theoriesprache gefaßten
Zusammenfassung der Stunde kommentiert er den Verlauf derselben; in den
zum Teil sensiblen, zum Teil weitreichenden und nicht immer am Text begründeten
Interpretationen erschließt er Abwehrmechanismen und Triebanteile,
macht als einziger aller Interpreten auch auf die Größenphantasien
des Patienten aufmerksam. Dieser ist in seiner Interpretation im wesentlichen
provozierend passiv und projiziert seine Aggressivität auf den Therapeuten;
hier wird das zwischen beiden Partnern nicht adäquat ausgehandelte
Ende der Stunde auch mit der Not des Therapeuten begründet, die Hilflosigkeit
auszuhalten, die der Patient in ihm erzeugt hat.
Die
Analyse des Transkripts von U. Streeck und A. Dally überrascht: Sie
konzentrieren sich in einer Video-Analyse auf die tatsächlich stattgefundenen
Interaktionen, vom Zurechtrücken der Brille des Therapeuten bis zur
Kontaktaufnahme des Patienten zur Kamera. Zwar haben alle bisherigen Interpretationen
in verschiedenen Formen die Auseinandersetzung zwischen Patient und Therapeut
rekonstruiert. Die Videoanalyse zeigt jedoch, daß dieser Kampf zwischen
den beiden sofort nach dem Öffnen der Türe beginnt: Während
der Therapeut als hierarchisch überlegener Teilnehmer dem Patienten
den Platz anweist, bleibt dieser stehen, akzeptiert diese Zuweisung nicht
und übergibt dem Therapeuten einen Zettel mit den möglichen Themen
für die Stunde, den dieser nur sehr widerwillig annimmt. Es "scheint
hier ein kurzes und zähes Ringen darum in Szene gesetzt zu werden,
wer hier wen beschäftigt und wer sich von wem aufdrängen läßt,
womit er sich zu beschäftigen hat, mit anderen Worten: um hierarchische
Positionen" (ebd./221). Was für die ausschließlich auf das
Transkript orientierten Analysen ein nicht nachzuvollziehender Gesprächsanfang
war, entpuppt sich als initiale gestische Inszenierung des Machtkampfes.
Die Widersprüchlichkeit des Patienten zeigt sich für die Videoanalyse
vor allem an der Beendigung des Gesprächs, wo er verbale und nonverbale
Mittel einsetzt, die zum Teil eine Redeübergabe, wie auch eine Beibehaltung
des Rederechts signalisieren, so daß dem Therapeuten nur die Normverletzung
der deutlichen Gesprächsunterbrechung übrig bleibt.
Eine solche ethnomethodologisch orientierte
Videoanalyse kann natürlich auf die Untersuchung des gesprochenen
Worts nicht verzichten, sie bezieht konversationsanalytische Elemente mit
ein. Die Überlegungen, wie Verhaltenseinheiten durch Beobachtung und
Auswahl konstruiert und welche Strukturen von einander abgegrenzt werden,
sind einleuchtend dargelegt; die Durchführung der Analyse zeigt vieles,
was rein sprachlichen Untersuchungen entgehen muß. Auch für
therapeutische Weiterbildung scheint ein derart kommentiertes Videoband
ertragreicher als die Interpretation eines Transkripts. Dennoch wirkt die
starke Behauptung überzogen, daß der Sinn der sprachlichen Kommunikation
unverständlich bleibe, solange die nonverbale Interaktion außer
acht gelassen würde; denn auf ihre jeweils eigene Weise haben alle
anderen Analysen den Konflikt zwischen Patient und Therapeut ebenfalls
beschrieben.
Buchholz benennt in der Einleitung das
Dilemma, daß qualitative Forschungsverfahren ein immer größeres
Auflösungsvermögen entwickeln, und sich damit eine methodisch
kaum noch zu bewältigende Komplexität einhandeln. Für die
hier versammelten Analysen läßt sich jedoch sagen, daß
die Darstellung der Komplexität fast immer gemeistert wurde und das
Buch daher allen Interessierten an qualitativer Forschung empfohlen werden
kann.
Literatur: