Rudolf Schmitt:
Metaphernanalyse und die Repräsentation biographischer Konstrukte. In: Journal für Psychologie, Asanger-Verlag, Heidelberg, Doppelheft 1/1995 -1/1996, S. 47 - 62.
Metaphernanalyse und die Repräsentation biographischer Konstrukte
1. Einleitung
Das schillernde Phänomen der Metapher hat in den Kultur- und Sozialwissenschaften immer wieder begeisternde Programmatiken (Lakoff 1987) und emphatisches Interesse (Streeck 1991) ausgelöst - eine Begeisterung, die zuweilen eine wilde Art des Zugriffs auf das Material nach sich zog (vgl. Graf 1988) und ganz im Gegensatz zum Stand empirischer Forschungen steht (Buchholz 1993, Schmitt 1995). Von einer brauchbaren und akzeptierten metaphernanalytischen Methode kann noch keine Rede sein; im folgenden will ich daher das unwegsame Terrain der Methodendiskussion nicht betreten, sondern für den Teilbereich der metaphorischen Repräsentation biographischer Konstrukte einige Probleme und mögliche Lösungen beschreiben. Zunächst
- skizziere ich einige Überlegungen zum Verhältnis von Biographie und Sprache,
- präzisiere dann den hier gebrauchten Begriff der Metapher, bevor ich
- Probleme einer metaphernanalytischen Biographieforschung diskutiere.
Zu diesen Schwierigkeiten gehört:
- Wie thematisiert Metaphernanalyse das Verhältnis von kollektiver und individueller Versprachlichung gelebten Lebens?
- Wie betrachtet Metaphernanalyse das Verhältnis zwischen dem Ganzen des individuellen Lebens und seinen Teilaspekten?
- Welche
Grenzen hat die Metaphernanalyse?
2. Zum Verhältnis von Biographie und Sprache
Der späte Wittgenstein gehört zu den neueren Philosophen, die auf die Verklammerung von Tun und Reden, Lebenswelt und Sprachspiel hingewiesen haben. Seine Hinweise haben in den Sozialwissenschaften unterschiedliche Resonanzen erzeugt, nicht zuletzt auch die, Sprachanalysen als Analysen der Lebensformen anzuregen (Streeck 1991/92). Ähnliche Auffassungen finden sich in den konstruktivistischen Ansätzen der Biographieforschung. Sie gehen davon aus, daß lebensgeschichtliche Erfahrungen und das biographisch verankerte Selbst- und Weltverständnis sprachlich-kognitive Konstrukte sind, die in narrativ strukturierten Retrospektiven auf das eigene Leben gebildet werden. Die Realität unserer lebensgeschichtlichen Vergangenheit werde im Medium der Sprache erst konstruiert, und so sei diese Vergangenheit abhängig von den aktuellen Orientierungen und Perspektiven eines Menschen. Eine neue Gegenwart konstituiere eine neue Vergangenheit; Subjekte modifizierten ihre Lebensgeschichte permanent im Lichte neuer Erfahrungen (Straub, Sichler 1989/222f.)
Diese
individualistische und konstruktivistische Sichtweise betont den
Anteil, in dem Subjekte sprachlich über sich verfügen; sie
übersieht allerdings, wie wir durch Sprache auch geformt und
gelenkt werden. Zuzustimmen ist diesem Ansatz jedoch darin, daß
der Mensch auf seine eigene Lebensgeschichte keinen von seinen
sprachlichen Möglichkeiten unabhängigen und
interpretationsfreien Zugriff hat und psychologische
Biographieforschung daher eine hermeneutische Textwissenschaft sein
muß, die autobiographische Konstrukte, wie sie Subjekte in der
Lebenswelt bilden, rekonstruiert und interpretiert (Straub, Sichler
1989/224).
3. Einführung in die Metaphernanalyse
Folgt man gängigen Definitionen der Rhetorik (z.B. Plett 1979/79), dann ist die Wendung "X. ist doch ein Gully, der alle Hilfe schluckt"1 eine Metapher. In dem Fall war gemeint: Patient X. braucht sehr viel Hilfe, ohne daß man einen Erfolg spürt. Die drastische Metapher fällt auf, sie transportiert Resignation der Helfer und das Bild von einem Menschen, der wie ein "Faß ohne Boden" Hilfe folgenlos konsumiert. Diese Metapher steht ganz im Gegensatz zur folgenden Redewendung aus der gleichen Sitzung, den gleichen Patienten betreffend: "Nach der Entlassung muß er erst recht gestützt werden". Einen Menschen "stützen" oder "unterstützen" impliziert nicht die Drastik des "Gully" - Vergleichs; "stützen" fällt nicht mehr als Bild auf, das aus dem handwerklichen Bereich stammt. Es ist eine sog. "tote" oder "lexikalisierte" Metapher2.
Die Definition dessen, was eine Metapher ist, kommt dem Leser bei der Durchsicht durch philosophische und linguistische Forschungsliteratur zunächst abhanden. Es überwiegt ein Relativismus; Weinrich (1967/7) schlägt vor, alle Arten des sprachlichen Bildes von der Alltagsmetapher bis zum poetischen Symbol zuzulassen. Auch Kallmeyer et al. 1974 teilen diesen Relativismus:
"Über das sprachliche Phänomen Metapher dürfte es so kontroverse Ansichten geben wie über die Sprache selbst. Lieb (1964) hat für den Zeitraum von der Antike bis zum Jahre 1963 nicht weniger als 125 voneinander abweichende Metapherndefinitionen nachgewiesen. Mittlerweile wird man von einer bedeutend höheren Anzahl ausgehen müssen, nachdem die linguistischen Diskussion in den vergangenen 10 Jahren zunehmend in Bewegung geraten ist." (dies. 1974/161)
Seit 1974 wurde die Diskussion eher lebhafter; die Bibliografien zur Metaphernforschung von Shibles 1971; Noppen 1981; Noppen, de Knop, Jongen 1985; Noppen, Hols 1990 umfassen nach meiner vorsichtigen Schätzung etwa 18000 Einträge über Bücher und Aufsätze zu dem Thema. Zur unbefriedigenden Situation trägt bei, daß linguistische, germanistische und philosophische Betrachtungen eine praktische Handlungsrelevanz der Metapher nicht systematisch in Betracht ziehen.
Die
psychologischen und psychotherapeutischen Forschungen zur Metaphorik
sind in ihrer Begrifflichkeit ebenfalls sehr uneinheitlich. In
systemischen und familientherapeutischen Überlegungen wird der
Metaphernbegriff bis hin zur ausformulierten Allegorie überdehnt
(z.B. Gordon 1985), psychoanalytische Versuche verbinden ihn oft mit
dem psychoanalytischen Symbolbegriff3,
und empirische Studien z.B. in der Entwicklungspsychologie nutzen oft
einen konventionellen Begriff von (toter) Metaphorik (vgl. Augst
1978).
Metaphern
sind als Träger kognitiver und emotionaler Strukturen seit dem
Buch "Metaphors we live by" von George Lakoff und Mark
Johnson 1980 in den Blick geraten, und es gibt auch im
deutschsprachigen Raum kaum noch eine Arbeit zu dem Thema, die sich
nicht mit diesen Autoren auseinandersetzt4.
Beide haben ihr Anliegen in Folgepublikationen vertieft und z.T.
verändert (Lakoff 1987, Johnson 1987). Sie gehen
davon aus, daß metaphorische Übertragungen aus einfachen
und sinnlich wahrnehmbaren Erfahrungseinheiten ("experiential
gestalts") auf komplexe und abstraktere Begriffe ein Grundzug
unseres Denken und Handelns ist. Sie postulieren, daß Metaphern
zusammenhängende Konzepte bilden, nach denen wir unser Denken
strukturieren. Sie sehen Metaphern also nicht als Frage der Sprache,
sondern des Denkens an und nehmen eine Homologie zwischen Denken und
Sprechen an. Drei unterschiedliche Typen von Metaphern bilden den
Ausgangspunkt ihrer Theorie: konzeptuelle (strukturierende),
orientierende und ontologisierende (vergegenständlichende)
Metaphern.
Konzeptuelle Metaphern
Lakoff und Johnson gehen davon aus, daß die sprachlichen Bilder aus einem Bereich von Erfahrung stammen, der eine prägnante Gestalt hat und leicht benennbar ist, während der zu strukturierende Bereich unscharf ist. Das trifft auf abstraktere Bereiche wie Gefühle, Handlungen, Wertungen zu. Brünner 1987 nennt wesentliche Metaphern für den komplexen Begriff der Kommunikation: Sie ist Kampf ("Positionen beziehen"), ist ein Bauwerk ("Argumentation aufbauen"), Zeichnen ("seine Ansicht illustrieren"), Spinnen oder Weben ("Gesprächsfaden", sich "verheddern"), Fortbewegung ("auf anderes Thema kommen"), ein Lebewesen ("tote Sprachen"), ein ökonomisch-bürokratisches Geschäft ("verhandeln"), eine Maschine bzw. ein Computer ("ich kann nichts mehr speichern"), oder Kommunikation ist das Versenden von Ideen- Objekten in Sprachhüllen (Conduit-Metapher, eine "lange Leitung" haben, "hohle Phrasen", "schlecht verpackte Idee").
Die Metaphorik der Liebe (Kövecses 1988) umfaßt viele Bilder der Einheit ("eins werden", "ein Herz und eine Seele") mit den Variationen der Einverleibung ("ich könnte dich fressen"), der aufgehobenen Trennung ("meine bessere Hälfte"), der verschiedenen Formen von "Nähe", in denen die physikalische Qualität der Strecke für die Beziehung steht ("waren uns ganz nah").
Je stärker eine bestimmte Metaphorik einen abstrakten Bereich dominiert, desto deutlicher sind ihre Folgen für Handlungen. Nieraad (1977/26) führt als Beispiel die der Biologie entlehnte Metaphorik des Faschismus an (Blut, Boden, Rasse etc.), um den Zusammenhang von Metaphorik und Handlung zu zeigen: Was an sozialer Wirklichkeit nicht in das ideologische Prokrustesbett paßte, d.h. nicht rassisch "gesund" war, wurde einer "biologischen Therapie" unterzogen, d.h. "ausgemerzt, ausgerottet, vertilgt". Lakoff und Johnson gehen in ihrer Behauptung eines solchen Zusammenhangs von Kognition und Handlung via Metaphorik soweit, daß sie behaupten:
"Unser konzeptuelles System, in dem wir sowohl denken als auch handeln, ist grundsätzlich metaphorisch. Die Konzepte, die unser Denken leiten, sind nicht bloß Gegenstände des Intellekts. Sie leiten unser tägliches Funktionieren bis hinab zu den kleinsten Details. Unsere Konzepte strukturieren, was wir wahrnehmen, wie wir uns in unserer Welt bewegen, und wie wir Beziehung zu anderen Menschen aufnehmen." (dies. 1980/ 3)
Um
diese weitreichende Behauptung zu stützen, reicht der
dargestellte Begriff von Metaphorik nicht; die Betrachtung der
orientierenden und der vergegenständlichenden Metaphern5
erlaubt es, die Reichweite dieser Behauptung einzuschätzen.
Orientierende Metaphern
Lakoff und Johnson zählen hierzu alle sprachlichen Hinweise, die auf eine meist räumliche Strukturierung von Kognitionen und Emotionen schließen lassen (Lakoff, Johnson 1980/14). So verwenden wir Präpositionen wie "in", als ob wir "in" die Freiheit oder "in" das Leben "hinein" oder "aus" der Angst "herausgehen" könnten wie aus einem Raum. Diese Ordnung der Erfahrung orientiert sich am Körper und zieht metaphorische Sprechweisen im engeren Sinne nach sich: Etwas auf sich zukommen lassen, auf ein Leben zurückblicken. Ein anderes Beispiel: Die Erfahrung des Erhebens, Erwachens, Aufstehens bezeichnet die kulturelle Konnotation des "Happy is up", bzw. "More is up", nach der Freude erhebend, Depression niederdrückend, Erfolg steigend, Verlust als Abfallen erlebt wird, und auch die soziale Einteilung in "Ober"- oder "Unterschicht" rekurriert auf persönliche wie kulturelle Raumerfahrung (Lakoff, Johnson 1980/17).
Lakoff und
Johnson gehen davon aus, daß die fundamentalen Werte einer
Gesellschaft nur im Einklang mit diesen metaphorischen Schemata
formuliert werden können (Lakoff, Johnson 1980/22f.). Neben dem
Oben-Unten-Schema sind es die metaphorischen Paare von "(da)vor"
und " (da)hinter", "drinnen" und "draußen"
(in, aus, hinein, hinaus); "tief" und "flach",
"zentral" und "peripher". Mit dieser räumlichen
und präpositionalen Metaphorik lassen sich auch Grundzüge
der Interaktion und ihre Probleme beschreiben (Schmitt 1995/210).
Ontologisierende (vergegenständlichende) Metaphern
Lakoff und Johnson verstehen darunter die Fähigkeit, komplexe Erfahrungstatsachen als einfache Objekte und Wesen zu identifizieren, sie als diskrete Entitäten behandeln und diese sprachlich als Substantive wie gegenständliche Objekte funktionieren zu lassen. Dabei projizieren wir eine körperliche Grunderfahrung, hier die des abgeschlossenen Körperschemas, auf diese Begriffe, um sie handhaben zu können, ohne daß diesen Begriffen eine solche Abgeschlossenheit zukäme (Lakoff, Johnson 1980/25). Diese wichtigste verdinglichende Metapher ist die "container"-Metaphorik, die zwar auch an den Präpositionen in/aus, drinnen/ draußen, vor allem aber an bestimmten Verben zu erkennen ist. Sie markieren z.B. das Verhalten einer Person zur Umwelt: "Er kam aus sich heraus" heißt, daß er sich "öffnete". Der Mensch ist in dieser Metapher nicht nur körperlich eine Einheit, sondern auch im psychischen Bereich ein Behälter, in dem sich vieles sammelt, staut und wieder hinausströmt (vgl. "jemand ist nicht ganz dicht" oder die Metaphorik des Berstens und Platzens für Wut und verwandte Emotionen, Lakoff 1987/380ff.). Neben der Behälter-Struktur zählen Lakoff und Johnson noch die Konzepte von "Gegenstand" und "Substanz" zu den Schemata, die wir als verdinglichende Projektionsleistungen im Grundbestand unseres kognitiven Vermögens haben. Vergegenständlichende Metaphern erlauben uns,
- physische und psychische Erfahrungen zu benennen ("Gefühlsstau") und bestimmte Aspekte aus dem diffusen Bereich menschlicher Interaktion und Selbstwahrnehmung zu isolieren und hervorzuheben ("ihre Liebe nahm ab"),
- zu quantifizieren (eine Menge, viel, wenig Geduld),
- oder sie
zu personifizieren und sie als Ursachen und Gründe zu behandeln
("Seine Angst verselbständigte sich, wegen ihr konnte er
nicht aus dem Haus.").
In einer
Studie über Metaphern des psychosozialen Helfens (Schmitt 1995)
ließ sich eine komplexe Metaphorik eruieren, die auf
"Substantialisierung" wie auf konzeptuellen Metaphern
beruht: Die Familie ist ein "Behälter"; Klienten sind
in ihr "hängengeblieben" oder haben sich dort
"verstrickt", sie "kommen nicht raus". Die
Aufgabe der Helfer besteht in diesem Bild dann darin, die KlientInnen
auf ihrem Weg, den sie oft als "Gratwanderung"
metaphorisieren, zu "begleiten" oder sie "in Bewegung
zu bringen" (= konzeptuelle Metaphorik, s.o.). Wendungen wie:
"Sackgasse", "die Familie ist ein Gefängnis",
"da komme ich nicht weiter" zeigen ebenfalls abgeschlossene
Räume und können hier die überraschende Fülle und
Dominanz dieser Metaphorik nur andeuten (s.d.). Eine weitere
Verdinglichung, auf der eine konzeptuelle Metaphorik aufsitzt, läßt
sich im Bild des Gebens und Nehmens finden: Oft ist die Rede davon,
daß die HelferInnen den KlientInnen und Kindern Hilfen und
"Dinge" "anbieten" und "überlassen",
während diese "wenig haben" vom Leben oder etwas "ganz
anderes wollen" und selten "bekommen". Ohne die
Vergegenständlichung von Zuwendung und Aufmerksamkeit ließ
sich helfende Arbeit offenbar nicht beschreiben.
Diese Beispiele machen allerdings deutlich, daß es nicht mehr genügt, nur die auffälligen Metaphern zu interpretieren, die einen reichhaltigen Komplex von Assoziationen generieren (anders Straub, Sichler 1989/229), im Gegenteil: Auch "tote" Metaphern sind interpretationsbedürftig, da sie die ikonischen, bildgesteuerten Grundlagen unseres Denkens zeigen. Für die Forschungspraxis heißt dies, daß unbedingt alle Worte, die nicht in strengem Sinn wörtlich sind, als Metaphern gedeutet werden müssen6.
Dieser Metaphernbegriff verdeutlicht aber auch, daß Metaphern nicht nur von Subjekten dazu genutzt werden, ihre Biographie zu konstruieren - Metaphern formieren uns auch in alten kollektiven Konstrukten, legen bestimmte Denkvorgänge nahe und verhindern andere. Ein Überblick über Funktionen der Metaphorik verdeutlicht, daß die Konstruktionsmetaphorik den Begriff der Metapher sehr einseitig faßt.
Nieraad (1980/149) und andere (Plett 1979/88f., Seifert (nach Wolff 1982/20); Brünner 1987/110f, Buchholz, von Kleist 1995/3ff) nennen verschiedene pragmatische7 Funktionen von Metaphern:
1. Metaphern entstanden als Umschreibung tabuisierter Sachverhalte in Glaube, Sexus und Mythos und haben eine innersprachliche Funktion bei der Neubildung von Worten.
2. Metaphern entstanden aus dem Bedürfnis der Mitteilung neuer Sachverhalte in Wissenschaft, Politik und Literatur, sie haben eine Prädikations- und Wahrnehmungsfunktion durch Modellbildung und Analogiebeziehung. Sie konstruieren und repräsentieren individuelle Welten.
3. Metaphern dienen in pädagogischer Absicht der Veranschaulichung komplexer religiöser, politischer und wissenschaftlicher Zusammenhänge, und nehmen eine entsprechende Rolle in der öffentlichen Kommunikation ein.
4. Eine heuristische Funktion der Metaphorik ist zu finden, wenn sie einen auslegungsbedürftigen Sinnüberschuß erzielt, der besonders in unerforschten Bereichen zu neuen Wahrnehmungen und Problemlösungen führen kann.
5. Metaphern haben eine emotionale Funktion, indem sie die Aufmerksamkeit auf intuitive Erfahrung lenken und die Formulierung von komplexen Gefühlszuständen ermöglichen.
6. Die soziale Funktion der Metaphern ist dann evident, wenn sie die Bildung von kulturell tradierten Bildfeldern ermöglichen, die einen Sozialisationsrahmen darstellen.
7. Metaphern steuern Interaktionen, da sie das Selbstverständnis der Beteiligten transportieren und die Interaktion selbst bebildern, also Metakommunikation ermöglichen.
8.
Schließlich besitzen sie eine ästhetische Funktion und
sind Ausdruck künstlerischer Kreativität.
Diese Funktionen der Metaphorik sind verbunden mit dem von Lakoff und Johnson (1980/10) genannten "highlighting" durch Metaphern; dem gegensätzlich "hiding" wären andere Funktionen zuzuordnen:
9. Metaphern erlauben eine Komplexitätsreduktion komplexer Wahrnehmung zu analogen und einfacher strukturierten Mustern, verhindern damit auch Differenzierungen.
10. Metaphern limitieren Erfahrungs- und Denkmöglichkeiten und verhindern alternative Handlungsformen.
11.
Metaphern dienen manipulativ-rhetorischen Absichten in der
öffentlichen Kommunikation (Politik, Werbung).
4. Probleme einer metaphernanalytischen Biographieforschung
4.1. Metaphern, Kollektiv und Individuum
Biographische Forschung ist ohne die Einbeziehung sozialer Gesamtlagen lückenhaft (Thomae 1991/250), sie steht in der Spannung zwischen Individuum und Gesellschaft und rekonstruiert sowohl ein produziertes Ergebnis sozialer Evolution wie auch ein produzierendes Element (Fischer-Rosenthal 1991/253). Wie kann Metaphernanalyse dieses Wechselverhältnis ausleuchten?
Das Beispiel von Straub und Sichler 1989 entstammt Interviews von jungen Menschen, die gemeinsam mit einem Gespann aus Traktor und Bauwagen aus Deutschland "ausbrachen", in den Süden Europas zogen und früher als geplant zurückkehrten. Absicht der Forscher war es, diese Reise und ihre biographische Bedeutung vor dem Hintergrund sowohl der sozialen wie der individuellen Orientierungen zu verstehen. Einer der Interviewten beschreibt seine Herkunft aus einem Elternhaus mit einer "Daseinsmetapher", d.h. einer Metapher, die Straub und Sichler für seine biographische Selbstthematisierung besonders bedeutsam halten: Das Leben dort sei "ein einziges Gerenne" gewesen, es war ein Leben, "in dem jeder nach Besitz strebte", "und du siehst, alle rennen, und du rennst halt mit". (ebd./233). Die beiden Autoren explizieren nun diese Metapher als "rastloses Treiben, im dem der einzelne als Gefangener von Vorstellungen und Zielsetzungen erscheint, die er selbst nie bewußt reflektieren und willentlich übernehmen kann. Wenn alles rennt, einförmig, in dieselbe Richtung, bleibt keine Zeit für überlegte Entscheidungen, für sinnlichen Genuß und schöpferische Ruhepausen..." (ebd./234) Über eine schwierige Individuationsphase, die Konflikte mit dem Vater, den Auszug von zu Hause, rastloses Arbeiten für Komsumgüter etc. beinhaltet, verkauft der Interviewte Auto, Motorrad, kostspielige Wohnungseinrichtung samt Fernseher, "rennt" nicht mehr, sondern kehrt seine Bewegungsrichtung sozusagen um, zu einem imaginären Ursprung hin, und träumt von einem einfachen und natürlichen Leben in den Wäldern Nordamerikas. Hier schließt sich eine Reise in die USA und die oben erwähnte mit dem Bauwagen an. Diese Neuorientierung wird von Straub und Sichler mit der neuen "Daseinsmetapher": "Das Leben ist eine Suche" beschrieben. Sie weisen darauf hin, daß beide Metaphern sich auf Bewegungen beziehen, die Transformationen sich also innerhalb der gleichen (Bewegungs-) Metaphorik vollzog.
Das Beispiel ist
einleuchtend. Dennoch läßt sich an ihm eine wesentliche
Verkürzung dieses metaphernanalytischen Ansatzes zeigen: Das
Verhältnis von subjektiver Konstruktion und sozialer Vermittlung
bleibt unthematisiert, daher bleibt unkenntlich, was das Individuelle
dieser Beschreibung ist. Die Metapher vom Leben als Weg ist
schließlich keine individuelle, sondern von der biblischen
Sprache bis zum gegenwärtigen Idiom in höchstem Maß
kollektiv. Sie so alltäglich geworden ist, daß sie
abgeschliffen und ohne Auswirkungen zu sein scheint: im Leben "weiter
kommen", ein "Ziel" haben oder "erreichen",
gut "in Fahrt" sein, "Gratwanderungen",
"Durststrecke", den Tagesplan "durchgehen", bei
jemand schlecht "ankommen", seinen "Weg finden",
"ziellos" arbeiten. Um abstrakte Konzepte wie z.B. "Zeit"
als "Weg" sinnlich erfahrbar zu machen (Blumenberg
1971/166), reden wir von "Abläufen", "Vorgängen",
"Vergangenheit" und "Fortschritt". Die
umgangssprachliche Bezeichnung psychischer Krankheiten nutzt
ebenfalls diese Bilder, in denen ein Mensch sich auf seinem Lebensweg
entweder zu langsam bewegt oder gar nicht auf dem richtigen Weg geht
("weggetreten", "Rückfall", "irre(n)",
"neben sich stehen", "neben der Spur" sein) oder
zu schnell ist (dem "geht der Gaul" durch, sich "in
eine Sache verrennen", ein psychotischer "Schub",
"fahrig" sein).
Diese
verschiedenen kollektiven Versprachlichungen erlauben es nicht, wie
Straub und Sichler nahelegen, eine einzige Metapher als individuelles
Konstrukt zu benennen. Die Wegmetapher ist ubiquitär -
Individuelles wird nicht deutlich. Individualität scheint mir
auf metaphernanalytischem Weg durch das Kriterium der Eigenheit
beschreibbar zu sein; Wortwahl und Form der Verbindung müssen im
Vergleich von kollektiver Metaphorik unterscheidbar sein, auch wenn
es sich nicht um neue Metaphern, sondern um eine Subjektivierung
eines kollektiven Musters handelt. "Gerenne" und die
Gegenmetapher "Das Leben ist eine Suche" heben sich von den
genannten kollektiven Metaphern ab. Zu erwägen ist jedoch, daß
diese bipolare metaphorische Konstruktion8
in der Subkultur der genannten Protagonisten als kollektive
Überzeugung zu vermuten ist.
Vielleicht
ist das Unterfangen, biographische Selbstthematisierungen auf wenige
"Daseinsmetaphern" zu destillieren, der Beschreibung von
Subjektivität durch diese Reduktion per se abträglich.
Empirische Analysen (Pollio et al. 1977, Buchholz, von Kleist 1995,
Schmitt 1995) zeigen, daß SprecherInnen sich in den seltensten
Fällen auf ein einziges geäußertes Metaphernfeld
beschränken. Verbindungen und Widersprüche der Metaphern in
eigenem System macht Subjektivität erst sichtbar, die
Komplexität eines individuellen metaphorischen Systems zeigt die
Tiefe subjektiver Organisation. Aus der erwähnten Untersuchung
psychosozialer HelferInnen möchte ich ein Beispiel anführen
(Schmitt 1995/140ff):
Die interviewte Helferin betreute ein zehnjähriges Mädchen mit Schul- und Verhaltensproblemen. Es war die älteste Tochter einer islamischen Familie; sie hatte vier weitere Geschwister, mit denen sie räumlich sehr beengt lebte; die Familie verfügte über wenig Einkommen und war sozial isoliert.
Die
Helferin gestaltete ihre Arbeit nach der Metapher: "Helfen ist
in Bewegung bringen", und jedes Stagnieren, Stehen- und
Hängenbleiben erforderte ein "in Gang bringen":
"danngehen wir denn auch so zusammen den
Stundenplan durch, was da angestanden ist". Dies galt nicht
nur für den Umgang mit schulischen Problemen, auch "anstehende"
soziale Schwierigkeiten betrachtete sie im Hinblick auf
"Gangbarkeit": "wenn ein Problem mit Klassenlehrern
oder mit Schulkameradinnen ansteht, dann verwenden wir auch einige
Zeit ... um ... uns anzugucken, ... warum es ihr damit nicht so gut
geht". Konsequent in der gleichen Metaphorik gedacht, war
Freizeitbeschäftigung mit dem Mädchen eine Negierung
stehender Forderungen, verbunden mit realer Bewegung: "das
steht jetzt nicht an, wir gehen nach draußen". Die
Helferin berichtete, wie sie am Anfang der Hilfe noch sehr
strukturierte, wenn das Kind abschweifte: "das ist wie ein
Mädchen auf einer grünen Wiese, das von einer schönen
Blume zur nächsten geht und dadrüber wie Rotkäppchen
den Weg verliert .. sie hat dann auch gar keine Lust, auf diesen Weg
zurückzukommen und ich dachte, ich müßte dann diesen
Weg vorgeben". Dies bedeutete, daß die Helferin am
Anfang sehr darauf bedacht war, zu organisieren und sehr viel zu
planen. Die Helferin beschrieb die spätere Arbeit in Bildern von
"Gratwanderung" und gemeinsamer "Wegsuche": "wir
versuchen da also einen Weg zu finden, daß ich ihr Dinge
anbiete oder Dinge mit ihr mache, ... die sonst nicht da in so einem
moslemischen Haushalt vorgesehen sind, ... aber doch von ihrem
Gewissen auch zulassen kann. Das ist manchmal dann auch schon so eine
Gratwanderung".
Diese Zitate machen deutlich, daß die verwendeten Bilder nicht nur um eine metaphorische Beschreibung des betreuten Mädchens oder der Arbeit an sich, sondern der Helferin selbst sind: Sie gibt "den Weg vor", sie empfindet die Arbeit als "Gratwanderung". Auch an anderen Fallbeispielen (Schmitt 1995, 149ff.) läßt sich zeigen, daß metaphorische Attributionen immer auch eine Projektion eigener Wahrnehmungsmuster auf äußere Zusammenhänge sind. Biographische Analysen werden reicher, wenn diese Projektionsleistungen und impliziten Selbstthematisierungen einbezogen werden.
Wie oben erwähnt, existiert ein breiter Hintergrund zu dieser Helfermetaphorik: Lernen, "eigene Schritte zu tun", Veränderungen "in Gang setzen", bei den Klienten "ankommen" oder "Brücken" zu ihnen zu finden, sie zu "begleiten". Spätestens die Formulierung vom "Rotkäppchen" zeigt aber, daß dieses kollektive Muster in eigenständiger Weise zur Wahrnehmung und Beschreibung sozialer Dynamik genutzt wurde.
Die Komplexität eines metaphorischen Systems zeigt sich aber nicht nur in der Ausdifferenzierung eines einzigen Bildes, sondern vieler. Diese Helferin benutzt auch eine Metaphorik des Webens bzw. der "Bindung" im Wortsinn, die wiederum nicht nur das Mädchen oder die Arbeit, sondern auch sie selbst beschreibt. Sie berichtet, das Mädchen sei sehr "eingeflochten" in die Familie, an anderer Stelle beschreibt sie "Verstrickungen", und das Mädchen hatte "Intrigen gesponnen". Diese Metaphorik der Verflechtung korrespondierte einem "Hängenbleiben" und "nicht weiter kommen": Die Bilder des Webens und des Wegs überlappen sich, was die Unbeweglichkeit betrifft; die Bindungsmetaphorik differenziert Beziehungen jedoch genauer. Die Helferin fühlte sich in der Familie konsequenterweise "verfangen"; aber auch die begleitenden Institutionen empfand sie als Netz: "der JPD ist wie so eine Spinne im Netz, hat so die Fäden in der Hand, weiß über alle Institutionen Bescheid".
Auch hier
gibt es eine kollektive "Bindungs"-Metaphorik des Helfens
mit zwei unterschiedlichen emotionalen Wertungen. Zum einen sind
diese "Bindungen" positiv getönt, es sollen "Kontakte
geknüpft" werden, Klienten sollen in das Leben in der
Gemeinde "eingebunden" werden, und manche KlientInnen
"hängen" sehr an ihren HelferInnen, die sich aber
irgendwann "abnabeln" müssen. Zum anderen sind es
jedoch die erwähnten "Verstrickungen" in der Familie,
die die HelferInnen "hineinziehen" und "verwickeln".
Eine weitere Metaphorik beruflicher und privater Selbstbeschreibung ist die des Gebens und Nehmens. HelferInnen "versorgen" ihre KlientInnen, "bieten" Zuwendung an, "geben" Aufmerksamkeit etc. Im konkreten Fall hatte das Mädchen beim Gang ins Schwimmbad "eine Menge gekriegt" und die Helferin sagte von sich: "da biete ich ihr dann an, oder ... versuch das ihr auch so ein Stück weit zu überlassen, was sie dann gerne möchte". Die Metaphorik des Gebens und Nehmens allerdings stand nicht isoliert da. Mit "finden", "sammeln", "mitnehmen", "zu Hilfe kommen" etc. überschnitten sich die Bilder des Gebens und Nehmens mit dem Bild "einen (Lebens-)Weg gehen": Das Mädchen konnte auf diesem Weg "eine Menge mitnehmen", die Helferin begriff die Arbeit mit dem Mädchen als Sammeln von fehlenden Familien-Erfahrungen.
Dieses Bild galt auch für die eigene Bildungsgeschichte der Helferin: "da ist einfach sehr viel an ... Erfahrungen, die ich mir da geholt habe ... da habe ich mir da eine Menge ... in den angeleiteten Praktikas eben so sammeln können". Auch Therapieansätze, welche die Helferin kennengelernt hatte, fanden sich zwischen Metaphern des Proviants: "es sind verschiedene Dinge, ... was mir schon zu Hilfe kommt, ist meine gesprächstherapeutische Ausbildung ... was mir allerdings manchmal fehlt, ist eine familientherapeutische Ausbildung". Durch diese Verdinglichung psychischer Qualitäten als quantifizierbare Objekte ("viel", "wenig") wird die Metaphorik des Gebens und Nehmens erst möglich.
Eine andere im gleichen Interview genutzte kollektive Metaphorik war die des Sehens: Wir haben einen "Durchblick" oder nicht, wollen "unklare" Familienverhältnisse "klären", "aufklären" sowieso, machen also Zusammenhänge "transparent", während Politiker in besonderen Umständen einen "blackout" haben.
Die visuelle Metaphorisierung dominierte in Reflexionen der Helferin über sich und die Arbeit; sie ließ sich in die genannten Metaphoriken eingliedern: Wo es darum ging, einen Weg zu finden, auf dem man "Dinge" wie Wissen und Erfahrungen sammeln konnte, mußte man sich orientieren und genau hinschauen: So half ihr die psychoanalytische Vorbildung, "Dinge zu sehen, Dynamik wahrzunehmen", allerdings erlebte sie die Arbeit in der Familie mit dieser auf das Individuum bezogenen Sichtweise "unübersichtlich". Mit einer familientherapeutischen Ausbildung hätte sie sich vorstellen können, "den Blick doch etwas geschulter ... zu haben". Sie visualisierte Probleme und sprach auch davon, ihre Ungeduld mit dem Mädchen in der Supervision zu "klären". Ihr Praktikum beim JPD faßte sie in einer optischen Metapher: Es sei "sehr facettenreich" gewesen und sie hätte viele "Störungsbilder" kennengelernt. Als Ziel für die Entwicklung des Mädchens wünschte sie, es möge "so ein Auge zu kriegen ..., daß das Schöne auch sein kann" und folglich "verwenden wir auch einige Zeit ... dafür, um uns anzugucken", was es an Schönem, aber auch an Problemen gab. Auch hier läßt sich zeigen: Die visuelle Metaphorik enthält sowohl ihre Beschreibung der Arbeit wie Selbstbeschreibungen der Helferin.
Nicht nur das Vorhandensein, auch das Fehlen bestimmter Metaphern kann auffällig sein. In dem vorliegenden Beispiel fehlt die Metaphorik der Schule: Die Helferin spricht nicht davon, daß sie ein gewisses "Pensum" mit dem Mädchen zu "üben" hätte, es geht nicht so sehr darum, für das Leben zu "lernen" oder falsches Verhalten zu "verlernen" - sondern um "Erfahrung"; dies formuliert die Helferin sowohl für sich wie für das Mädchen, während pädagogisch orientierte HelferInnen "strenger" sind, auf "Regeln" bestehen und "Defizite aufholen" wollen. Gegenüber diesem Zugang verstand sie sich als Psychologin und Psychotherapeutin, für die Schwierigkeiten in der Schule eher ein Symptom gestörter familiärer Entwicklung war.
Mit diesem Beispiel läßt sich zeigen, daß
- die Rekonstruktion biographischer Konstrukte sich nicht auf eine einzige Metaphorik beschränken darf, da das biographische Muster der Orientierung sich erst aus der Zusammenschau verschiedener Metaphern ergibt;
- der metaphorische Hintergrund, d.h. die kollektiv-prägenden Metaphern bekannt sein sollten, bevor man bestimmte Metaphern als individuell bedeutsame charakterisiert;
- auch das
Fehlen bestimmter kollektiver Metaphoriken sich in biographischen
Analysen auswerten läßt.
4.2. Metaphern, ein Moment und das Ganze des Lebens
Ich habe in dem Beispiel vor allem den beruflichen Aspekt der biografischen Selbstthematisierung gezeigt - ein Bereich, den Straub und Sichler nicht erwähnen; sie gehen davon aus, daß nur Metaphern, die sich auf die lebensgeschichtliche Vergangenheit eines Menschen beziehen, dann auch Perspektiven, Wünsche, Wahrnehmungs- und Denkstrukturen konstituieren. Das Beispiel zeigt jedoch, daß unterschiedliche Lebensbereiche (hier: Beruf) einbezogen werden müssen, da metaphorische Redeweisen nicht nur Beschreibungen externer Sachverhalte, sondern auch Projektion eigener Kategorisierung und explizite Selbstdefinitionen enthalten. Auch unter diesem Aspekt erscheint das vorgelegte Konzept der Daseinsmetaphern als zu eng, es fehlt die gründliche Untersuchung weiterer Wahrnehmungen des subjektiven Lebensvollzugs. Die Heterogenität verschiedener Lebensbereiche läßt es unmöglich erscheinen, daß eine einzige Metapher die widersprüchliche Komplexität biographischer Selbstthematisierung fassen könnte; als Beleg deute ich im folgenden einige fehlende Lebensbereiche und die dafür bekannten kollektiven Metaphoriken an.
Neben der Weg-, Bindungs-, Geben- und Nehmen- und der visuellen Metaphorik habe ich oben auch die Schulmetaphorik als Ansatzpunkt einer beruflichen Identität genannt. Im Bereich psychosozialer Hilfen fehlt noch die Behälter-Metaphorik; die Person wird als Behälter mit einer Grenze wahrgenommen: er macht "dicht", aber: sie ist "nicht ganz dicht"; sie war "aufgeschlossen", da hat sie "zu gemacht", es "sprudelte aus ihm heraus", da mußte ich ihm "die Würmer aus der Nase ziehen". Entsprechend interpretierten die HelferInnen sich selbst als solche, die "intervenieren" und sich "einmischen", oder in andere, die "Grenzen ziehen" mußten.
Erst zuletzt fällt eine handwerkliche Metaphorik des Machens auf, z.B. in Formulierungen, daß z. B. Kontakte und Beziehungen "hergestellt" wurden, bestimmte Bedingungen "produktiv" oder "kontraproduktiv" waren und Konflikte "bearbeitet" wurden - an diesen Formulierungen wird dann deutlich, daß ein handwerklicher Produktionsprozeß als Wahrnehmungsfolie über die helfende soziale Interaktion gelegt wird. Es ist gar nicht alles aufzählbar, was "gemacht" wird: Spaß, Psychologie, Erfahrungen, Studium, Einzelfallhilfe, Hausaufgaben, die Schotten dicht und eine Krise durch, eine Situation klar und Auseinandersetzungen transparent, Therapie und traumatische Erfahrungen, das Leben schwer oder die Arbeit leicht, das Fernsehen aus und die Geschwister fertig, Supervision und Sinn: Alles wird "gemacht", und die HelferInnen sind "Macher" - und berichten oft auch ihre Sozialisation unter dieser selbstbestimmten Metaphorik. Jede dieser vordergründig beschreibenden Metaphern zeigte auf die Lebensorganisation der interviewten HelferInnen zielende Implikationen.
Für den biografisch nicht weniger bedeutsamen Bereich der Kommunikation hat Brünner (s.o.) verschiedene Metaphern beschrieben; manche dieser Bilder, wie die des Bands bzw. des Webens, kommen in beiden Bildbereichen vor ("Gesprächsfaden gerissen" -"verstrickte Beziehung"), andere sind im Bereich psychosozialer Berufsbiographien natürlich seltener zu finden, z. B. "Kommunikation ist Kampf": jemand "angreifen", eine "Position verteidigen", "Stellung beziehen", "auflaufen lassen", mit einer "Strategie" in das Gespräch gehen, ein Argument "ins Feld führen"9. Das gleiche gilt für die Metaphorik von Liebesbeziehungen (vgl. Kövecses 1988/21f.), deren biografische Relevanz Straub und Sichler ebenfalls nicht thematisieren: Die Metapher vom Lebensweg kehrt wieder: sie "geht mit ihm" seit Pfingsten, eine Beziehung ist am "Scheideweg" oder in der "Sackgasse", sich "scheiden" etc. Darüber hinaus wird eine andere Metaphorik der Verschmelzung den Bildern des Lebens hinzugefügt: "eins werden", "ein Herz und eine Seele sein", "zerfließen". Aber auch die Kampf- und Jagdmetaphorik beschreibt diesen Bereich wie Beneke 1982 an Interviews von z.T. wegen Vergewaltigungsdelikten verurteilten Männern, aber auch aus der Alltagssprache rekonstruierte: "What a piece of meat!", "chicken", "Schürzenjäger", sie "ergab sich", er "bestürmte" sie, "eroberte" sie etc.
Die
Metaphern der Gefühle fehlen bei Straub, Sichler 1989 ebenso;
Lakoff 1987 hat für "Wut" ein Szenario
unterschiedlicher Metaphoriken gesammelt. Psychische Extremzustände
zeigen wiederum eigene Bilder, die in Teilen mit den oben genannten
übereinstimmen (z.B. "nicht ganz dicht sein", "neben
der Spur" sein), aber auch ganz neue: "durchgedreht"
gewesen zu sein, einen "Schub" gehabt zu haben, "der
hat doch eine "Meise" etc.
Diese
Fülle verschiedener Bilder muß in einer
metaphernanalytischen biographischen Rekonstruktion mit betrachtet
werden; Veränderungen zeigen sich an mehr als einer Metapher.
Ich greife dazu noch einmal auf das oben angeführte eigene
Beispiel zurück; mit der gleichen Helferin wurde über den
Fall und ihre Selbstwahrnehmung zwei Jahre nach dem ersten Interview
gesprochen. Die bestimmende Metaphorik des ersten Interviews, daß
die Helferin das Kind auf den Weg des Lebens mit allen seinen
bildlichen Verbindungen des Stecken-, Hängen- und
Stehenbleibens, des Fortkommens und der Aussicht versucht zu bringen,
kehrte nur wenig verändert wieder. Das Bild der "Gratwanderung"
zwischen den unvereinbaren Forderungen des Kindes und der Eltern
verwandelte sich in Bilder des auf-der-Stelle-Tretens und der
"Grätsche" zwischen diesen Forderungen: Metaphern der
Stagnation. Die Metaphorik des Kräfte-"Haushalts"
tauchte auf. Die Helferin beschrieb ihre Arbeit stärker als im
ersten Interview mit geometrischen Bildern: Diese Hilfe müsse im
"Rahmen" der Kräfte bleiben, sie nannte verschiedene
"Punkte", welche nicht gelangen, sie habe das Mädchen
auf der Beziehungs-"Ebene" gestützt. Die Vermutung,
sie habe sich damit distanziert, kam auch bei der Schilderung der
Arbeit als administrativer Ablauf auf: Veränderungen habe sie
"in die Wege geleitet", andere Dienste waren
"zwischengeschaltet", das Bezirksamt habe am Schluß
keine weiteren "Hilfen eingeleitet". Gegenüber der
therapeutischen Sichtweise des ersten Interviews bedeutete dies eine
deutliche Veränderung. Es fehlte ihre Identifikation mit dem
Mädchen in der Metaphorik des Verstrickt- und Verlorenseins. Die
Beschreibung der Selbständigkeit des Mädchens im Nützen
amtlicher Wege bediente sich ebenfalls der administrativen Rhetorik,
es "leitete in die Wege", daß es in ein Heim kam; an
dieser Stelle waren die Metaphern der Helferin und für die
Klientin sich (wieder) ähnlich.
4.3. Grenzen der Metaphernanalyse
Die Nutzung der Metaphernanalyse als sozialwissenschaftliche Methode stößt derzeit auf die ungelösten Probleme,
a) welche theoretischen Kontexte die Rolle der Metaphern in der menschlichen Interaktion, der emotionalen Regulierung und in kognitiven Prozessen eingrenzen und damit auch definieren helfen;
b) wie weit die metaphorische Strukturierung der Sprache reicht und welche Bestandteile der Rede von einer Metaphernanalyse nicht erfaßt werden;
c) wie sich das Verhältnis von metaphorischer Kognition, emotionaler und Handlung darstellen läßt und welcher Art es ist;
d) welche methodischen Schritte eine Metaphernanalyse auszeichnen und welchen Wahrheitskriterien sie sich stellen kann und soll.
Die
folgenden Bemerkungen vertiefen diese Fragen und können auch nur
teilweise fragmentarische Beantwortungsversuche darstellen.
a) Kontexte einer Metapherntheorie
Brünner
bemerkt in ihrer Kritik an Lakoff und Johnson, daß ungeklärt
ist, "wie sich die Fundierung unserer Konzepte
in physischer, kultureller Erfahrung historisch,
gesellschaftstheoretisch und kulturvergleichend ausarbeiten und
präzisieren läßt" (dies. 1987/102). Lakoff
(1987/408) gibt die Unklarheit über den psychologischen
Stellenwert der metaphorischen Modelle zu; Keller (1988/775f.)
beklagt in ihrer Besprechung von Johnson 1987 die Ungenauigkeit des
Zusammenhangs zwischen körperlichen und kategorialen Aspekten
eines Image-Schema. Beiden fehlt eine empirische
Entwicklungspsychologie, welche die Forschungen von Piaget und
Vygotzkij zur Schemata- und Begriffsentwicklung integrieren könnte.
Mit Lorenzers Analyse von Szenen und Symbolstrukturen (ders. 1970,
1973) wäre Lakoff und Johnson ebenfalls zu kritisieren: Sie
entwickeln ihre Vermittlung von Sprache und vorsprachlichem Handeln
nicht am Individuum; psychoanalytische Analysen könnten daher
die Grundlagen des metaphorischen Sprechens in der
vorsprachlich-gestischen Ebene genauer fassen. Ebenso unklar wie der
kulturelle, soziale und historische Stellenwert der metaphorischen
Modelle ist die Vermittlung zwischen Subjekt und Gesellschaft via
Metaphorik. Schließlich ist das Ausmaß der Prägung
durch die Sprache und Grammatik, in die wir hineinwachsen, im
Verhältnis zur schöpferischen Neuproduktion von Sprache mit
dem Lakoffschen Ansatz nicht abzuschätzen.
b. Grenzen der metaphorischen Strukturierung
Lakoff
und Johnson gehen in ihrer Beschreibung des Stellenwerts der
Metaphorik soweit, daß sie behaupten, daß unser
kognitives System und unsere Sprache "fundamentally
metaphorical" (1980/3, s.o.) sind. Brünner hat dagegen
darauf hingewiesen, daß unklar sei, "in welchem Sinne
und in welchem Umfang die Realität durch metaphorische Konzepte
definiert ist, wo die Beschränkungen der ja nur partiellen
metaphorischen Strukturierung genau liegen" (dies.
1987/102). Der hier vorgestellte Metaphernbegriff hat als Prämisse,
jedes nicht nur streng wörtlich zu nehmende Wort als Metapher zu
deuten. Am Beispiel der Wendung: "ich arbeite mit dem Mädchen
daran, daß ..." läßt sich, wie oben erwähnt,
das Wort "arbeite" schon als Metapher sehen, als
Übertragung körperlich-handwerklicher Tätigkeit auf
psychologisches Gebiet, vor allem dann, wenn im Kontext dieser
Äußerung Bemerkungen fallen wie "das war produktiv",
"schwer, eine Beziehung herzustellen" etc. fallen. Dieser
Metaphernbegriff geht besonders dann sehr weit, wenn man
etymologische Hinweise miteinbezieht, daß das Wort "Leben"
sich etymologisch wie das Wort "Bleiben" auf Vorformen von
"kleben, hängen bleiben" zurückführen läßt
(Kluge 1989/432, 91) - dann wird das Wort vom "Lebensweg"
zur spannungsvollen Verdichtung und lädt zu philologischen
Vertiefungen ein. Das verfehlt jedoch die psychologische
Ausgangsfragestellung, welche metaphorischen Komplexe das Denken und
Handeln von Subjekten in ihrem Lebenslauf aktiv bestimmen. Die Frage
nach den Grenzen metaphorischer Strukturierung läßt sich
daher so beantworten, daß hier nur die metaphorischen Komplexe
interessieren, die sich in einen Sinnzusammenhang mit Erleben,
Handeln, Fühlen und Denken der untersuchten Menschen bringen
lassen. Diese Antwort verweist auf die Wahrnehmungsgrenzen und
Interpretationsfähigkeit der beteiligten ForscherInnen, die sich
durch methodische Vorkehrungen vielleicht stabilisieren läßt,
dennoch aber ein hermeneutisches Unterfangen ohne sichere Grenzen
bleibt.
c. Das Verhältnis von Kognitionen, Emotionen und Handlung
Ein damit
verbundenes Problem bleibt das Verhältnis von Kognition und
Handlung: Wie leiten metaphorische Komplexe das Verhalten an, wie
weitreichend ist ihre strukturierende Macht im Vergleich zu anderen
handlungsbestimmenden Faktoren (Interaktionspartner, situative
Einflüsse, soziale Struktur, biologische Antriebe, nonverbal
konditionierte Handlungsketten, emotionale Antriebe und Zustände)?
In Fallstudien läßt sich auf hermeneutischem Weg der
Zusammenhang zumindest plausibel darstellen, von der Handlung zu
rechtfertigenden Metaphern, von Sprachbildern zu Interaktionen der
Sinn verfolgen (Schmitt 1995/140ff). Die Metaphernanalyse scheint mir
einige neue Antworten auf die alte und unbeantwortete Frage nach dem
Verhältnis von Kognition und Handlung zu geben (vgl. Kleiber
1981/21), aber ein theoretisches Modell von Handeln und
metaphorischem Denken, das sich auch empirisch-falsifizierenden
Prozeduren stellen könnte, ist nicht in Aussicht. Immerhin hat
Bock 1981 nachgewiesen, wie durch die Einführung von Metaphern
in einer genau definierten Problemsituation unterschiedlich aktive
oder passive Handlungsstrategien bei den Versuchsteilnehmern
provoziert werden konnten; die Verknüpfung von Metaphorik,
Emotion und Handlung beschreibt Lakoff 1987 wie oben erwähnt am
Beispiel von "Wut" in einem prototypischen Modell.
d. Wahrheit und Methode
Die Metaphernanalyse selbst ist als sozialwissenschaftliches Handwerkszeug noch nicht so entwickelt, daß ihre Ergebnisse und deren Reichweite im Vergleich zu denen anderer qualitativer Ansätze sicher einzuordnen sind. Einzig von psychoanalytischer Seite existieren Reflexionen zur Metaphernanalyse (Buchholz 1993, Buchholz, von Kleist 1995). Die Nähe der Metaphernanalyse zu den Konzeptionen von "Alltagstheorien" (Laucken 1974), "subjektiven Theorien" (Groeben 1988), dem sozialen Konstruktivismus (Gergen et al. 1985) bzw. der "Sicht des Subjekts" (Bergold, Flick 1987) ist deutlich; die Vermittlung zu letzterem wird thematisiert bei Schmitt 1995. Von einer einzigen metaphernanalytischen Methode kann ebenfalls nicht ausgegangen werden; zur Zeit existieren zumindest zwei unterschiedliche Ablaufschemata für metaphernanalytische Untersuchungen (Buchholz, v. Kleist 1995, Schmitt 1995). Das Wahrheitskriterium von Lakoff und Johnson ist bloße linguistische Evidenz, das bloße Aufzeigen passender Beispiele zum jeweils durchgeführten Theorieteil; es fehlen andere methodische Zugänge (Kritik der linguistischen Empirie bei Reyna 1985/144f., 151f.) Eine Möglichkeit, die mit der Metaphernanalyse gewonnenen Aussagen zu stärken oder zu relativieren, besteht darin, andere Methoden und deren Ergebnisse dagegen zu halten, die sog. Triangulation (Flick 1989, 1991). In meiner Untersuchung (Schmitt 1995) wählte ich als gegensätzliche Methode die Inhaltsanalyse nach Mayring (Mayring 1983, 1989): Sie konnte soziale und psychische Behinderungen der KlientInnen genauer erfassen und bewußte Konflikte und Konfliktinhalte zwischen HelferInnen, KlientInnen, ihrem sozialem Umfeld und dem Bezirksamt detaillierter beschreiben. Die Inhaltsanalyse elaboriert die Vielfalt der konkreten Tätigkeiten, die sich keiner Einordnung fügten, und rekonstruierte Einzelheiten aus konfliktreichen Biographien. Die Metaphernanalyse bezeichnet dagegen eher ein "Klima", atmosphärische Polaritäten, emotionale Befindlichkeiten, Grundmuster der Beziehung zu den KlientInnen sowie Wahrnehmungs- und Reflexionsmodelle der HelferInnen. Die Gesamtanalyse der Metaphern zeichnete ein kollektives Muster der Hilfen nach dem Vorbild familiärer Sozialisation und Individuation. Die Schwäche der Metaphernanalyse zeigt sich, wie zu erwarten, in der Beschreibung der konkreten Details sozialer und biographischer Ereignisse. Wirkliche Widersprüche waren nicht zu finden; die beiden Methoden standen daher in einem komplementären, nicht in einem konträren Verhältnis zueinander.
Für
psychologische biographische Forschung läßt sich daher die
Folgerung aufstellen, daß Metaphernanalyse als einzige Methode
ein interessantes, aber schiefes Bild ergibt. Aber vielleicht gilt
das für jede als alleiniges Werkzeug verwendete qualitative
Methode.
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Anmerkungen:
1Bemerkung in einer Sitzung aller sozialpsychiatrischen Institutionen in Reinickendorf (Berlin) 5.3.1993
2Zsf. der Diskussion um "tote" und "lebendige" Metaphern bei Wolff 1982/17
3Innerhalb der Psychoanalyse wendet sich Goebel (1986) allerdings gegen diese in der Psychoanalyse tradierte Auffassung seit Jones, die Metapher sei eine Vorstufe des Symbols.
4vgl. Bamberg 1982, 1984; Buchholz 1993, 1995; Burckhardt 1987; Brünner 1987; Wiedemann 1986; 1989; von Kleist 1984, 1987; Streeck 1991; Bock 1989; Rauh 1989; Radden 1989.
5Lakoff 1987 und Johnson 1987 führen statt dieser Begriffe das Schema-Konzept ein, dies tangiert den Ansatz jedoch nicht grundsätzlich.
6Zur Problematik der Operationalisierung siehe Schmitt 1995/113ff.
7Auch deshalb können Metaphern nicht, wie (psycho-)linguistische (Hörmann 1978/186) und textsemantische Ansätze (Kallmeyer et al. 1974/167f) meinen, aus einer Wort- oder Satzfunktion begriffen werden, sondern müssen aus einer umfassender zu veranschlagenden Text- und Situationsfunktion erläutert werden.
8Innerhalb der gleichen Metaphorik ist sowohl eine dominante und komplementäre Elaboration, Ausfaltungen für gelingendes und mißlingendes Geschehen möglich; vgl. Buchholz, v. Kleist 1995/6.